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Trumps Philosophie: Steuernzahlen ist nicht clever / Photo by A.C. Unrell – Flickr

 

Eigentlich schien das unmöglich: Donald Trump, das Großmaul mit der Teflonbeschichtung gegen Peinlichkeiten, stürzt über seine Eitelkeit. Ja, er hat sogar etwas geschafft, das Demoskopen und kundige Wahlbeobachter seit Jahrzehnten  nicht mehr für möglich gehalten haben.

Trump ist bei einer TV-Debatte so kläglich gescheitert, dass er damit seine Chancen auf einen Einzug ins Weiße Haus fast vollständig eliminiert hat. Bisher haben – entgegen oft anderslautender Berichte – weder Parteitage noch TV-Duelle eine Wahl entschieden. Doch dieses Mal dürfte es anders sein: Trump steht jetzt am Abgrund, und wenn er weitermacht wie bisher, ist er schon bald einen großen Schritt weiter.

Sicher, Präsidentschaftskandidaten haben schon früher einmal versagt bei einem TV-Duell. Zuletzt erging es 2012 ausgerechnet dem rhetorisch brillanten Barack Obama so, der als klarer Favorit in die Debatte mit seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney gegangen war. Statt gewohnt souverän zu agieren, wirkte Präsident Obama jedoch fahrig und wurde ein ums andere Mal von Romney argumentativ in die Ecke gedrängt. Die entzückendste Erklärung für seine verunglückte Vorstellung ist, dass die Debatte ausgerechnet an seinem zwanzigsten Hochzeitstag mit Michelle stattfand. Kein Wunder, dass er nicht ganz bei der Sache gewesen sei…

Kein Wunder ist das definitiv bei Donald Trump. Aufgrund seines fantastischen Narzissmus war er fest davon überzeugt, gegen Hillary Clinton zu bestehen, ohne sich ernsthaft auf das Duell vorzubereiten. Er hat jedoch nicht nur seine Gegnerin hoffnungslos unterschätzt. Was eigentlich paradox ist, da Trump ihr ja ohne Unterlass vorwirft, ein verkommener Polit-Profi zu sein. Er hat auch nicht bedacht, wie verheerend ein schlechter Auftritt für ihn sein würde. Denn anders als Obama damals lag er vor der TV-Debatte in den Umfragen nicht deutlich vorn, sondern im Durchschnitt leicht hinter Clinton.

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Photo by DonkeyHonkey

 

Er hätte also wenigstens ebenbürtig erscheinen müssen. Das ist ihm nicht gelungen. Schlimmer noch: Er ist in seiner selbstgefälligen Art auf die einfachsten Psychotricks hereingefallen, die Hillary Clinton bestens präpariert in ihre Beiträge eingestreut hat. Wohl wissend, dass Trump ständig seine eigene Überlegenheit – vor allem als Geschäftsmann und gegenüber Frauen – betonen muss, hegte sie ostentativ Zweifel an dessen Stärken. Damit legte sie die Basis für das Motiv ihrer Wahlkampagne bis zum Tag der Entscheidung: die Dekonstruktion des goldschimmernden Scheinriesens als Loser und Frauenhasser.

Trump hat in seinem Solipsismus bis heute noch nicht begriffen, wie ihm geschehen ist. Deshalb betont er dauernd, dass er die Debatte gegen Clinton gewonnen hat. Und er wiederholt seine Angriffe gegen die venezolanische Schönheitskönigin, die er einst kürte, später dann für zu dick befand, als Miss Housekeeping (Frau Haushaltshilfe) beleidigte und – das ist die neueste Wendung – als Darstellerin in einem Playboy-Video denunzierte. Diese rüden Attacken jedoch schaden in mehrfacher Hinsicht nur ihm selbst: Sie schrecken weibliche Wähler ab, sie beleidigen die Latino-Gemeinschaft und sie bestätigen die schweren Zweifel an seiner charakterlichen Eignung für das Präsidentenamt.

Nicht minder fatal wirkt sich ein kleiner Nebensatz aus, der sich anfangs gar nicht so schlimm anhörte. Auf Vorwürfe Clintons, er würde bisweilen keine Steuern zahlen, rutschte Trump ein lässiges „Das macht mich schlau“ heraus. Als er das sagte, dürften die Strategen in Clintons Hauptquartier vor Freude an die Decke gesprungen sein. Denn das war Trumps 47-Prozent-Moment. Das war ein Satz, der mindestens so nachhaltig schädlich sein wird wie Mitt Romneys Bemerkung, dass 47 Prozent der Amerikaner eigentlich nur Schmarotzer des Wohlfahrtsstaates seien.

Trumps Berater versuchen den Satz nun positiv zu deuten, doch ihre Bemühungen wirken kläglich. Denn der Satz ist komplexer, als er scheint – zumal im Angesicht neuer Zeitungsberichte über Verluste des Trump-Konzerns in den Neunzigerjahren, aufgrund deren der Immobilienmogul keine Steuern zahlte. Das Dilemma ist: Entweder war Trump solch ein miserabler Unternehmer, dass er des Öfteren so viel Geld verloren hat, dass er ohnehin nichts zu versteuern hatte. Oder er hat auf anderen Wegen Abgaben vermieden. Diese Annahme wiederum bestätigt aufs Schönste die Kritik linker Demokraten und Clinton-Unterstützer wie Bernie Sanders, die das Steuersystem scharf kritisieren, weil es ohnehin die Reichen zulasten der Mittelklasse und der Armen bevorzugt.

So oder so gerät Trump fast hoffnungslos in die Defensive. Aus ihr will er sich nun anscheinend mit einem Thema befreien, dass alle Bedenken über seinen Charakter bestätigt: die charakterlichen Schwächen, sprich: Sex-Affären, von Bill Clinton in den Neunzigerjahren und Hillarys Verhalten in jener Zeit. Es ist ein unmögliches Unterfangen.

Hillary Clinton darf, was das betrifft, frohgemut sein. Mit Blick auf ihre Partei kann sie es nicht. Denn die Wähler der Republikaner wissen allmählich zu unterscheiden zwischen dem erratischen Präsidentschaftskandidaten und den Kandidaten ihrer Partei für Abgeordnetenhaus und Senat. Die Republikaner haben daher gute Chancen, ihre Mehrheiten in beiden Häusern zu verteidigen und der Demokratin Clinton das Leben im Weißen Haus so schwer wie möglich zu machen. Der politische Stillstand in Washington scheint damit für weitere vier Jahre gesichert.