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Erinnerung an die beiden Türme des World Trade Centers 2007. Photo by Jackie/Flickr

Die Prophezeiung klang verlockend: „Wenn du den Fluss Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören“, sagte das Orakel von Delphi zu dem Lyderkönig Krösus voraus. Der mächtige und reiche Mann ging natürlich davon aus, dass dies nur heißen könne, dass er im Krieg gegen die Perser siegen würde. Doch wie es Orakelsprüchen eben eigen war, ließ sich die Prophezeiung auch anders deuten. Krösus zerstörte letztlich sein eigenes Reich.


Ganz so vernichtend hat sich die Kriegsführung von US-Präsident George W. Bush nach 9/11 nicht ausgewirkt. Allerdings ließ auch er sich von prophetischen Einflüsterungen manipulieren. Seine Orakel waren zwar nicht so drogenumnebelt wie das Orakel von Delphi, aber die Prophezeiungen der neokonservativen Ideologen in seinem Umfeld führten den Präsidenten nicht minder in die Irre. Am Ende der US-Interventionen in Afghanistan und Irak stehen keineswegs funktionierende Demokratien, die als Vorbild die ganze Region von dieser besten aller denkbaren Staatsformen überzeugen. Im Gegenteil, beide Länder werden von Machtkämpfen und Terroranschlägen erschüttert.
Und die USA? Sie waren nach dem Ende des Kalten Krieges für ein Jahrzehnt die Hypermacht der Welt – Russland war ökonomisch und militärisch am Boden, China noch weit entfernt davon, ein Global Player zu sein – und hatten 2001 ihre Mittel und Möglichkeiten weit überschätzt. Die machtpolitische Überdehnung ist historisch kein unbekanntes Phänomen. Nicht nur Krösus, auch der Makedonier Alexander der Große und die Römer haben es erlebt, ebenso das britische Empire. Nun also die Amerikaner.
George W. Bush offenbarte ungewollt, dass auch eine Militärmaschine, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, Schlachten gewinnen kann, ohne letztlich zu siegen. Der sogenannte Krieg gegen den Terror hat zwar die Taliban und den Diktator Saddam Hussein von der Macht gebombt, aber alles andere als Frieden und Stabilität in der Region erreicht. Er hat nicht die Basis für ein gedeihliches Zusammenleben der verschiedenen Ethnien und Religionen geschaffen, sondern bereits vorhandene Konflikte eskalieren und neue Formen des asymmetrischen Krieges und des Terrorismus entstehen lassen.

9-11-zeitungen
Die Hypermacht schrumpfte in diesem Prozess wieder zurück zur Supermacht. Sie bleibt zwar ökonomisch und vor allem militärisch die stärkste Nation, kann jedoch offenkundig keine internationalen Konflikte im Alleingang lösen. Diese Erkenntnis ist keineswegs bei allen US-Politikern angekommen, wie im aktuellen Wahlkampf zu beobachten ist. Gerade erst hat der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump versprochen, viel mehr Geld für das Militär auszugeben, wenn er gewählt würde. Und auch Hillary Clinton, seine demokratische Konkurrentin, neigt weit mehr zu unilateralen Militäraktionen als Barack Obama.
Der US-Präsident lehnt sie zwar nicht grundsätzlich ab, zweifelt aber an ihrem Nutzen. Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre haben ihn gelehrt, dass Amerikas militärische Macht aus unterschiedlichen Gründen sehr begrenzt ist: weil die Art der Kriegsführung sich verändert hat – durch Kombattanten wie den „Islamischen Staat“, die nicht einmal ein Staat sind; oder weil andere Mächte ihre Einflusssphären wieder skrupellos auszubauen versuchen – durch Geld- und Waffenlieferungen in Krisengebiete wie Syrien, durch Cyberattacken oder durch den Bau künstlicher Inseln (wie China im Südchinesischen Meer).
In der multipolaren Welt von heute ist der amerikanische Einfluss geringer als je zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig lässt sich keine internationale Krise ohne die USA lösen, da bislang keine Institution die gleiche Macht besitzt. Obama wollte das ändern, hat die Europäer verschiedentlich aufgefordert, mehr Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Doch weder die EU noch ihre wichtigsten Mitglieder waren und sind dazu bereit oder imstande. Zu sehr kämpfen sie mit ihren eigenen Problemen.

Remember

Erinnerung an die Opfer von 9/11 in Boston.Photo by mgstanton/Flickr

Das tun derzeit aber auch die USA. Der Isolationismus feiert daher ein fröhliches Comeback in den Debatten – und im Wahlkampf, wo Donald Trump immer wieder hämisch fragt, wozu man die Nato noch bräuchte und warum andere Nationen nicht selbst für Ordnung sorgten in ihren Regionen. Auch wenn es kaum wahrscheinlich ist, dass ein künftiger US-Präsident die Welt sich selbst überlässt – der isolationistische Diskurs wird nicht ohne Einfluss auf die künftige US-Politik sein. Diese Wende ist wahrscheinlich die wichtigste Folge der in vielerlei Hinsicht verheerenden Politik von George W. Bush.
Seine teils völkerrechtswidrigen Kriege haben die USA in eine politische Identitätskrise gestürzt, die, wie es bei der Supermacht nun mal so ist, Konsequenzen für die Welt hat. Zudem hat das Ansehen Amerikas in dieser Zeit schwer gelitten. Daran konnte Obamas rationale und maßvolle Politik der vergangenen acht Jahre wenig ändern. Und man braucht kein Prophet zu sein für die Erkenntnis: Weder Hillary Clinton und schon gar nicht Donald Trump werden die USA aus dieser Krise führen.