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Regenbogenfarben in Trauer / Design by Tim Evanson, Flickr

Von Daniel Haufler

Eigentlich wollen wir an dieser Stelle nur  Wahlkampf in den USA begleiten und kommentieren. Doch angesichts der unglaublichen Reaktion von Donald Trump auf die Bluttat von Orlando muss auch hier analysiert werden, welche Konsequenzen das hat.

Wie kann ein Mensch nur so etwas Grausames tun? Ein Massaker an unschuldigen Menschen in einem zivilisierten Land. Ein massenhafter Mord, präzise vorbereitet und eiskalt ausgeführt. Um die Bluttat von Orlando zu verstehen, werden viele Überlegungen angestellt. War es ein religiös oder politischer motivierter Anschlag? Immerhin hat sich der Mörder kurz vor der Tat bei der Polizei gemeldet und sich zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bekannt. So wie kürzlich die Killer von San Bernadino. Oder war der Mörder ein Homosexuellenhasser? Sein Vater erklärt die Tat so. Oder war der Mörder schlicht geistig verwirrt, wie so viele Amokläufer vor ihm? Aussagen seiner ehemaligen Frau lassen darauf schließen.

Wie nach jedem dieser Bluttaten – und dies war die brutalste in der jüngeren Geschichte der USA – stellen sich die gleichen Fragen. Doch die Antworten bleiben stets unbefriedigend. Und politisch oder gesellschaftlich geht letztlich alles so weiter wie bisher. Nach der Trauer kommt das Verdrängen und Vergessen. Das Waffenrecht wird nicht verschärft, die Ursachen der Gewalttaten werden nicht systematisch untersucht oder reflektiert. Das wird sich auch dieses Mal nicht ändern, auch wenn Präsident Barack Obama erneut Reformen verlangt. In diesem Jahr sind die Chancen für ein neues Waffengesetz sogar noch geringer als zuvor, weil der Wahlkampf tobt  und vor allem der designierte Kandidat der Republikaner Donald Trump den Anschlag von Orlando nun im Rahmen seiner anti-islamischen und anti-migrantischen Kampagne nutzt.

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Mahnwache in Orlando am Tag nach dem Massaker / Photo by Fibonacci, Flickr

Nur: Trumps brutaler und machistischer Populismus kann paradoxerweise mehr dazu beitragen, die Bluttat von Orlando zu verstehen, als es ihm lieb sein dürfte. Denn ein evidenter, gern verdrängter Aspekt ist, dass dieser Anschlag wie fast alle Massaker zuvor von einem Mann verübt wurde. Es ist Männergewalt. Und die hat Gründe. Seit Jahrzehnten gibt es eine Gruppe von Männern, die sich permanent benachteiligt fühlt. Sie fürchtet um ihre Arbeit, ihre soziale Stellung – von Aufstieg ist da ohnehin keine Rede mehr – und ihre „gute alte“ kleine Welt, die sie von Globalisierung, Migration und gesellschaftlichen Reformen wie der Homo-Ehe oder der Förderung von Frauen und Minderheiten bedroht sieht.

Diese frustrierten Männer patrouillieren in Bürgerwehren an der mexikanischen Grenze, hören obsessiv rechte Radiomoderatoren, die ihre Ängste potenzieren und in blinde Wut übersetzen. Sie rennen zu den Demonstrationen der Tea-Party-Bewegung, die mittlerweile einen Gutteil der republikanischen Partei kontrolliert  und verehren ihren neuen Abgott Donald Trump, weil er jene vermeintlich liberalen Waschlappen in Washington zur Minna macht, die sie für ihre Misere verantwortlich machen.

Diese Männer sind meist weiß, doch ihre Ängste, die sie alles Andersartige und Fremde hassen lässt, sind die gleichen Ängste, die muslimische Männer dazu bringen, sich dem IS anzuschließen. Auch sie sind getrieben von Verzweiflung, Perspektivlosigkeit und Unfähigkeit, sich in dieser Welt noch zurechtzufinden. Auch sie können sich ihres gesellschaftlichen Status nicht mehr sicher sein. Auch sie lassen sich daher von Hasspredigern manipulieren und folgen vermeintlich starken Männern, die mit einer Heilslehre einfache Lösungen  postulieren – auch wenn die bisweilen erst im Jenseits zu finden sind.

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Trauerkundgebung in Orlando / Photo by Fibonacci Blue, Flickr

Das heißt nicht, dass frustrierte weiße Männer in den USA und frustrierte muslimische Männer identisch seien. Sie agieren in völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen – doch strukturell gesehen reagieren sie vergleichbar, weil sie grundsätzlich dem gleichen Bild von Männlichkeit verhaftet sind. Das ist kein neues Phänomen und in verschiedenen Kontexten untersucht worden, vor allem mit Blick auf die faschistischen Männerbünde in Deutschland und Italien in den 20er- und 30er-Jahren. Sie griffen die nach dem Ersten Weltkrieg gerade bei jungen Männern ausgeprägte Kluft zwischen Aufstiegserwartungen und Unsicherheits- wie Abstiegserfahrungen auf und kompensierten sie, indem sie eine Gegenwelt boten, in der Männer eine neue Identität aufbauen konnten. Hier erlebten sie, wie Klaus Theweleit in seiner  „Männerphantasien“-Studie erkannt hat, Klarheit, Ordnung, Sauberkeit und Übersichtlichkeit, ohne das weibliche (heute müsste man ergänzen: homosexuelle) „Gewimmel“ der „ungeordneten“ und „schmutzigen“ Masse. Das Kameradentum – auch damals geprägt von Gewalttätigkeit – wurde wichtiger als soziale Bindungen wie die Familie.

Nicht jeder frustrierte Mann wird in solch einem Kontext zum Mörder, schon gar nicht zum Massenmörder. Doch Ideologien und Religionen der Intoleranz – ob Trump’scher Populismus oder der Islamismus – bereiten mit ihren Hassreden den Boden für Massaker wie jenes in Orlando. Man mag sich angesichts der Weltlage und der gesellschaftlichen Spaltung in den USA lieber nicht vorstellen, was ein Wahlsieg Trumps für die Zukunft bedeuten würde.