Photo by Darron Birgenheier

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Millionen von Amerikanerinnen und Amerikanern folgen den Auseinandersetzungen der Präsidentschaftskandidaten auf Twitter und Facebook. Der politische Diskurs verflacht, und es ist nicht einmal gewiss, ob sich das Posten wirklich lohnt.

Von Damir Fras

Unlängst wurde Donald Trump wieder einmal persönlich. Er verspottete seinen Konkurrenten Jeb Bush, weil dessen Team ein Werbevideo von Mutter Barbara Bush verbreitete. Darin sagte die 90-Jährige, ihr Sohn habe Lösungen für die Probleme der USA, während andere (sie meinte wahrscheinlich Trump) nur prahlten, wie großartig sie seien. Das wollte sich Trump nicht gefallen lassen und schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter: „Gerade Jebs Anzeige angeschaut, in der er verzweifelt Muttis Hilfe braucht. Jeb – Mutti kann Dir gegen ISIS, die Chinesen oder Putin nicht helfen.“ Kurz darauf retournierte Bush über Twitter mit einem Bild, das seine Mutter in Football-Montur zeigt, und dem Kommentar: „Ich wäre vorsichtig, Donald.“

Barbara-Bush

Es ist Wahlkampf in den USA, und in den sozialen Netzwerken tobt wie nie zuvor eine Schlacht mit Worten und Bildern, mit Beleidigungen und Peinlichkeiten. Der Diskurs wird extrem beschleunigt, zugleich verflacht die politische Debatte, aber einen Teil der Wählerschaft scheint das nicht zu stören. Donalds Trumps Twitter-Attacken folgen fast sechs Millionen Menschen. Bush bringt es gerade einmal auf 430 000. Hillary Clinton, die aussichtsreiche demokratische Kandidatin, hat knapp 5,2 Millionen Follower.

Trump führt die Riege der republikanischen Möchtegern-Präsidenten in den Umfragen an. Experten vermuten, dass das auch mit seiner Dauerpräsenz in den sozialen Netzwerken zu tun hat. Mindy Finn, eine republikanische Digitalstrategin, sagt, Trump wäre ohne Twitter nicht da, wo er heute ist – an der Spitze des republikanischen Feldes. Der Immobilienmilliardär aus New York verstehe es wie kein zweiter Bewerber von sich reden zu machen. Das Muster dabei: Regelmäßig erhebt Trump über Twitter provokante Forderungen. Dazu gehört etwa sein Plan, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen zu wollen, um Einwanderer abzuhalten. Einmal als Kurznachricht versendet vermehrt sich die Idee wie von selbst, schließlich springen traditionelle Medien auf. „Dann dominiert man das Nachrichtengeschehen für 24 Stunden und kann sich zu vielen anderen Themen äußern“, sagt Finn.

Trump hat das Muster erkannt und perfektioniert. In einem Interview mit dem „Wall Street Journal“ sagte er vor kurzem: „Du kannst deine Botschaft in der Welt verbreiten, und zwar auf ganz eigene Weise.“ Die Begrenzung der Zeichenzahl auf Twitter zwingt zur Kürze, zur Zuspitzung. Das passt genau zur inhaltlichen Leere, die Trumps Wahlkampf bislang auszeichnet. Dass mitunter Fakten durcheinander gewirbelt werden, ist offenbar kein Problem. So hat es Trumps Karriere auf Twitter nicht geschadet, dass er nach den Anschlägen in Paris die französische Hauptstadt irgendwie nach Deutschland verlegt hat.

Trump-Paris-Germani

Twitter und Facebook sind inzwischen in den USA für Wahlkämpfer genauso wichtig wie die die klassischen Werbefilmchen im Fernsehen, die entweder den eigenen Wunschkandidaten bis zur Peinlichkeit überhöhen oder den Konkurrenten frontal attackieren. Sie sind ein wichtiges Instrument, um die Anhängerschaft zu mobilisieren.

Vor allem aber haben die Präsidentschaftskandidaten erkannt, dass die sogenannten Millenials (jene zwischen 1981 und 1996 geborenen Frauen und Männer) nach Erhebungen des Pew Research Centers mehrheitlich soziale Netzwerke nutzen, um politische Nachrichten zu erhalten. „Ohne soziale Netzwerke würde man diese Wähler einfach ignorieren“, sagt Chris Wilson, der im Wahlkampfteam des republikanischen Bewerbers Ted Cruz arbeitet.

Glaubt man den Kandidaten beziehungsweise deren PR-Beratern, dann verfassen viele Bewerber zumindest einen Teil ihrer Twitter-Meldungen eigenhändig. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen Tweets von Bewerbern in einem Wahlkampfteam über mehrere Prüfstellen von ganz unten bis ganz oben durchgereicht wurde, bevor jemand auf den Sendeknopf drückte. Bei der Masse an Nachrichten, die inzwischen versendet werden, wäre das heutzutage kaum noch machbar.

Trump-Pissoir

Ob sich die treue Twitter-Gemeinde eines Präsidentschaftsbewerbers jedoch auch an der Wahlurne erkenntlich zeigt, das ist noch nicht ausgemacht. Digital-Expertin Mindy Finn: „Ein dynamischer Twitter-Auftritt führt nicht automatisch zu Stimmen.“ Viele der Twitter-Follower sind offenbar auch noch zu jung, um wählen zu dürfen.