Wie schon so oft in Iowa sind die Prognosen der Wahlforscher nicht wirklich eingetroffen. Zu unvorhersehbar ist, wer wirklich an den Caucusen teilnimmt. Zudem stellt sich immer wieder die gleiche Frage: Wie repräsentativ für die USA ist der Ausgang dieser ersten Vorwahl?

cruz leads the group in prayer

Betender Ted Cruz – Photo by Jamelle Bouie

 

Letztlich nicht besonders. Doch obwohl der ländliche Staat konservativer ist als Amerika als Ganzes, lassen sich einige Schlüsse aus dem Ergebnis in Iowa ziehen. Schließlich werden die Wähler nach jedem Wahlgang hierzulande intensiv befragt -und liefern mit ihren Aussagen einen spannenden Einblick in ihre Wünsche, Ängste und Hoffnungen.

Was also bedeutet das Ergebnis von Iowa? Protest. Fast die Hälfte der Demokraten hat sich für Bernie Sanders entschieden, den Senator von Vermont, der sich selbst als demokratischer Sozialist bezeichnet. Er hat während seiner Auftritte, aber auch sehr pointiert in seinem letzten Wahlspot die Macht der Wall Street und damit des Finanzkapitalismusses angegriffen. Wer dem etwas entgegensetzen wolle, müsse ihn wählen und nicht Leute, die mit diesem System verbandelt sind. Ungenannt blieb der Name um den es in diesem Fall geht: Hillary Clinton. Die ehemalige Senatorin von New York wird stark von den Bankern und Brokern der Stadt unterstützt.

Sanders Konzept ist aufgegangen. Und Hillary Clinton weiß nun endgültig, dass sie ein Problem bekommen wird in diesem Wahlkampf, das ihr lange, viel zu lange zu schaffen machen wird. Laut der Umfragen von New Hampshire liegt Sanders dort bislang deutlich vor Clinton in der Wählergunst. Sollte er dort siegen, wird es auch bei den Demokraten einen ausdauernden Vorwahlkampf geben. Das kann Clinton gar nicht schmecken, hatte sie doch auf einen flotten Sieg gesetzt, um dann entspannt abzuwarten, wie sich die Republikaner gegenseitig das Leben schwer machen.

Das machen die Republikaner aber auf jeden Fall, ganz egal, was bei den Demokraten passiert. Schon bisher hat deren Vorwahlkampf eine Schärfe erreicht, die denkwürdig ist. Ähnlich wie bei den Demokraten profitieren davon nicht die Kandidaten des Establishments. In diesem Fall hat sich der erzkonservative und sehr religiöse Senator Ted Cruz aus Texas durchgesetzt (28%), allerdings dicht gefolgt von dem Milliardär Donald Trump (24%). Und selbst der bereits fast abgeschriebene Gehirnchirurg Ben Carson kam auf 10 Prozent. Kurzum: Über 60 Prozent stimmten für Außenseiter, die sich radikal konservativ gerieren – um es mal freundlich zu formulieren.

Ben Carson Show by DonkeyHotey

Ben Carson Show by DonkeyHotey

Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen ist Iowa ein Zeugnis der Unzufriedenheit der Wähler beider Seiten mit Washington. Die republikanische Basis will, knapp gesagt, weniger Regierungsmacht und Steuern, das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche und die Homo-Ehe abschaffen, die Einwanderung auf ein Minimum begrenzen und jederzeit  seine Waffen mit sich führen dürfen. Sie demokratische Basis wiederum will mehr soziale Gerechtigkeit und höhere Löhne, die Ehe für alle und die Legalisierung von Cannabis, einen Ausbau der Gesundheitsvorsorge und höhere Steuern für die Reichen. Im Grunde genommen wollen die einen alles abschaffen, was irgendwie nach Barack Obama aussieht und die anderen dessen Errungenschaften ausbauen. Willkommen in den gespaltenen Staaten von Amerika.

Kopfschüttel

Allerdings gibt es einen Lichtblick aus Iowa – wenn man genau hinschaut und ein wenig optimistisch ist. Bei den Republikanern haben mehr Wähler als gedacht einen Kandidaten unterstützt, von dem sie annehmen, dass er im November tatsächlich die Präsidentschaftswahl gewinnen kann: Marco Rubio. Zwar ist auch er erzkonservativ, aber zumindest scheint er zu Kompromissen fähig zu sein, ohne die das politische Geschäft nicht funktioniert. Bei den Demokraten hat Hillary Clinton immerhin knapp gesiegt, anders als 2008, wo ihre Kandidatur in Iowa dank der Niederlage gegen Barack Obama so ins Stolpern geriet, dass sie am Ende tatsächlich von ihrem Favoritenthron gestürzt ist. Dieses Schicksal wird sie bei aller Wertschätzung für Sanders Wahlkampf dieses Mal nicht erleiden. Obwohl Iowa also eigentlich viel extremer als der Rest der USA ist, haben die Wähler dort ein wenig von der Vernunft gezeigt, auf die man kaum noch zu hoffen wagte. Das wird seine Wirkung auf die nächsten Vorwahlen in New Hampshire und South Carolina sicher nicht verfehlen.