Photo by Jason Mrachina

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Nicht nur im Verhältnis zu Schwarzen hat die Polizei in den USA oft ein Problem. In Detroit wurde jahrelang Beweismaterial aus Vergewaltigungsfällen verschlampt. Die Staatsanwältin Kym Worthy ist angetreten, diesen Justizskandal aufzuklären.

Eine Reportage von Damir Fras

 

DETROIT. Der Täter war 15 Jahre alt, ein Junge noch. Er trug eine Maske und eine Pistole. Er schlich sich an das Auto heran, in dem sein Opfer saß, und zwang die Frau auszusteigen. Er nahm ihr drei Dollar ab. Dann vergewaltigte er sie. Es geschah in Detroit, im Januar 2004. Die vergewaltigte Frau machte alles richtig. Sie ging sofort nach dem Überfall zur Polizei. Sie ließ Abstriche machen. DNA-Material des Täters wurde sichergestellt. Auch das im Januar 2004 in Detroit. Danach passierte jahrelang nichts. Der Täter konnte glauben, dass er davongekommen ist. Das Opfer musste glauben, dass es keine Hilfe erwarten konnte.

Erst 2012 machte sich die Polizei die Mühe, das acht Jahre zuvor gesammelte Beweismaterial zu untersuchen und mit Einträgen in diversen Datenbanken abzugleichen. So kam sie dann doch noch dem Vergewaltiger auf die Spur. Er saß seit 2009 wegen eines Raubüberfalls im Gefängnis. Staatsanwältin Kym Worthy nimmt Platz auf einem Stuhl in einem schmucklosen Büro im zwölften Stock eines schmucklosen Gebäudes in Detroit. Von außen wirkt das Haus wie eine Festung. Wenn Kym Worthy nach draußen schaut, sieht sie eine große Brachfläche mitten in der Stadt. Detroit, die einstige Wirtschaftsmetropole am Eriesee im Nordosten der USA, ist seit Jahren pleite. Dann räuspert sich Kym Worthy und erzählt die Geschichte von den vergessenen Vergewaltigungen.

Kym Worthy

Vor sechs Jahren machte sich ein Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft daran, die Asservate der Detroiter Polizei einer Inventur zu unterziehen. Er kam einer kaum vorstellbaren Schlamperei auf die Spur. In einem alten Lagerhaus, das inzwischen abgerissen wurde, lagen unbearbeitet Tausende sogenannter rape kits. So heißt im Ermittlerjargon das Spurenmaterial, das nach Vergewaltigungen oder anderen sexuellen Übergriffen gesammelt wird. Das können Blut- oder Spermaspuren sein, Gewebereste von der Kleidung des Täters oder auch Hautfetzen, die sich unter den Fingernägeln des Opfers finden ließen. Vergessen in der Asservatenkammer Solche Spuren taugen jedoch erst dann als Beweise, die vor Gericht Bestand haben, wenn sie forensisch untersucht werden. Erst dann können sie mit Einträgen in Datenbanken verglichen werden, in denen potenzielle Sexualstraftäter aufgelistet sind. In Detroit geschah das jedoch nicht. Zwar sammelte die Polizei die Spuren, sofern Opfer die Vergewaltigungen anzeigten und sich die potenziellen Beweise buchstäblich vom Körper abnehmen ließen. Doch dann war Schluss. Keine weiteren Tests. Die Spurensammlungen wanderten in die Asservatenkammer, die Vergewaltigungen wurden vergessen.

rape kit

11 341 unbearbeitete Proben fanden Kym Worthys Ermittler in dem Lagerhaus, die ältesten waren bald 30 Jahre alt. „Glauben Sie mir, ich war total schockiert, als ich davon erfahren habe“, sagt Staatsanwältin Worthy mit heiserer Stimme: „Allerdings habe ich gedacht, Detroit ist die einzige Stadt in den USA, in der so etwas geschehen ist.“ Doch Worthy, die 59 Jahre alte Afroamerikanerin, sollte sich gewaltig täuschen: „Bald darauf habe ich festgestellt, dass das ein Problem im ganzen Land ist.“ Man kann sagen: Die lasche Verfolgung von Vergewaltigern in den USA ist ein Justizskandal. Wissenschaftler sagen, es könnten bis zu 400 000 Sammlungen individueller Spuren sein, die jahrzehntelang unbeachtet liegen geblieben sind. In New York waren es um die Jahrtausendwende 16 000, in Los Angeles vor fünf Jahren fast 13 000, selbst in kleineren Städten wie Amarillo in Texas waren es immer noch 1 000 unbearbeiteter Ermittlungsproben. Und erst vor wenigen Tagen hieß es in US-Zeitungen, dass selbst mehr als zehn Jahre, nachdem das Phänomen der „vergessenen Vergewaltigungen“ an die Öffentlichkeit gekommen ist, in Virginia etwa immer noch 2 000 der „rape kits“ auf Halde liegen.

Nicht untersucht und abgeglichen und damit wertlos. Staatsanwältin Kym Worthy aus Detroit versucht jetzt, das Phänomen zu erklären. Es sei eine komplexe Anhäufung unterschiedlicher Gründe, sagt sie. Die Polizei habe zu wenig Geld beziehungsweise setze das Geld, wenn vorhanden, nicht für die Untersuchungen ein. Der forensische Test eines Spurenpakets koste zwischen 500 und 1 000 US-Dollar. Die Polizei versuche immer noch viel zu häufig, Vergewaltigungsopfer davon zu überzeugen, die Angelegenheit am besten auf sich beruhen zu lassen. Viele Beamte seien nicht ausreichend ausgebildet, weil überhaupt „das ganze Land Sexualstraftaten nicht ernst genug nimmt“. Vor allem aber: Wer Vergewaltigungen aufklärt, macht sich nicht unbedingt einen Namen im Kollegenkreis. Mordsachen bringen Beförderungen, Vergewaltigungen eher nicht. Es klingt fast verächtlich, als Worthy diesen Satz ausstößt: „Sexualstraftaten werden stiefmütterlich behandelt. Ich wette mit Ihnen, dass es niemals 11 000 ungelöste Mordfälle in einer Stadt geben würde.“ Die Staatsanwältin ist eine kleine, energische Frau.

Die Detroiter Presse hat sie die „härteste Frau der Stadt“ genannt. „Das ist keine Beleidigung“, sagt Kym Worthy. Denn sie ist in der Tat eine Frau, deren Beharrlichkeit bemerkenswert ist – und deren Mut. Sie ging als Afroamerikanerin in einer mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnten Stadt sogar gegen den afroamerikanischen Bürgermeister vor. Es dauerte, aber schließlich brachte Worthy das Stadtoberhaupt Kwame Kilpatrick hinter Gitter. Er verbüßt jetzt wegen Korruption eine Gefängnisstrafe von 28 Jahren. In seinen Memoiren schrieb Kilpatrick, die Staatsanwältin sei „wie der Teufel“ hinter ihm her gewesen. Mit demselben Eifer macht sich die alleinerziehende Mutter einer Teenager-Tochter und sechs Jahre alter Adoptivzwillinge an die Aufgabe, die vergessenen Vergewaltigungen aufzuklären. „Irgendwann war ich es leid, nach den Verantwortlichen für die Misere bei der Polizei zu suchen. Ich wollte meine ganze Kraft für die Opfer aufwenden“, sagt die Staatsanwältin.

Ihre Sprecherin Maria Miller wird später ein wenig staunend erklären, sie verstehe auch nicht, wie die Chefin das alles schaffe. Ihre Staatsanwaltschaft kümmert sich im Jahr um zirka 50 000 Fälle – vom nicht bezahlten Strafzettel bis zum Mord, von der Korruption bis zur häuslichen Gewalt. Und Kim Worthy finde trotzdem die Zeit, auch noch die alten Fälle der vergessenen Vergewaltigungen anzupacken. „Ohne sie wären wir noch ganz am Anfang“, sagt auch Margaret Tallet, die im Auftrag der Stiftung Michigan Women’s Foundation Geld sammelt, damit die Sexualstraftaten aufgeklärt werden können. Das sei klassische Prävention, sagt Tallet. Ein Vergewaltiger vergehe sich im Durchschnitt an vier Frauen: „Stellen Sie sich doch nur vor, man hätte ihn schon nach dem ersten Mal geschnappt.“ Bitten und betteln Also geht die Staatsanwältin von Party zu Party und erzählt die Geschichte von dem Skandal in dem Lagerhaus. „Beim letzten Mal kamen schnell 17 000 Dollar zusammen“, sagt Margaret Tallet. Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook, habe unlängst 25 000 Dollar gespendet.

Die Staatsanwältin aus Detroit will sich nicht darauf verlassen, bis die Stadt, die ohnehin kein Geld hat, endlich Geld für die forensischen Tests zur Verfügung stellt. Sie bittet und bettelt lieber. Womöglich hat dieser Eifer auch etwas mit der persönlichen Geschichte von Kym Worthy zu tun. Als Studentin ist die Tochter eines Armee-Offiziers, der in den 50er-Jahren zu den ersten afroamerikanischen Absolventen der Militärakademie West Point gehörte, selbst Opfer eines Sexualstraftäters geworden. Worthy möchte nicht ins Detail gehen. Sie sagt nur, sie habe damals den Übergriff nicht bei der Polizei gemeldet. „Ich glaubte damals alle Stereotypen über die Polizei. Außerdem hatte ich Angst, dass das meine Karriere beeinflussen würde. Heute bedaure ich das, aber aus damaliger Sicht war es richtig.“ Diese Erfahrung habe sie jedoch zu einer besseren Staatsanwältin gemacht: „Ich wusste, wie es sich anfühlt, das Opfer eines Verbrechens zu sein.“ Mehr gibt Kym Worthy über ihre eigene Geschichte nicht preis. Sie wendet sich lieber wieder den Zahlen und Fakten zu.

Von mehr als 11 000 Spurensätzen, die in dem Lagerhaus abgelegt wurden, seien inzwischen ungefähr 10 000 untersucht worden. Demnächst werde die Zahl der Ermittler, die sich um die Vergewaltigungen kümmern, von zwei auf sieben steigen. „Dann werden wir noch schneller arbeiten können“, sagt Kym Worthy. Die Zeit drängt. Viele der Straftaten sind nahe an der Verjährungsgrenze oder schon darüber hinweg. Doch das forensische Material aus den alten Fällen könne immer noch für neue Fälle mit denselben Tätern verwendet werden. Sie möchte nicht, dass noch einmal eine Frau jahrelang darauf warten muss, bis ihr Vergewaltiger ins Gefängnis kommt, sagt Staatsanwältin Worthy: „Das ist doch furchtbar, dieser Schlag ins Gesicht, wenn du feststellst, dass dein Fall Staub ansetzt.“ Dann zieht die Frau mit den auffälligen Perlenketten am Hals noch eine Statistik hervor. Es ist eine Erfolgsmeldung. In 18 Fällen wurden die Täter, die sich jahrelang sicher fühlen konnten, ermittelt. Alle 18 Täter wurden verurteilt. 69 Fälle stünden kurz vor der Anklage, 569 Fälle warteten darauf, von den Ermittlern bearbeitet zu werden. Zum Schluss sagt die Staatsanwältin mit leiser Stimme: „Ich wäre nicht überrascht, wenn sich mancher Sexualstraftäter in Detroit nicht mehr ganz so sicher fühlt.“ Das klingt nicht nur nach einer Drohung, das ist eine Drohung, und Kym Worthy ist bekannt dafür, eine Sache durchzuziehen, wenn sie einmal damit begonnen hat.